Träume einer Genderseherin: Eine Erwiderung auf die Anwürfe der Transgenderideologin Jule Govrin gegen die Philosophin Kathleen Stock

Wer unter deutschen „kritischen Theoretikern“ und „gender studies“- Profes-sorinnen dieser Tage auf sich hält, nimmt jede Gelegenheit wahr, freiwillig Verständnis für das Mobbing der genderkritischen Feministin Kathleen Stock und unfreiwillig völliges Unverständnis von deren Argumenten zu demonstrieren.[1] Auch Jule Govrin war bereits im ZDF zu solcher Demonstration großzügig Gelegenheit gegeben worden. Auf dem online Portal geschichtedergegenwart.ch, welches dafür ebenfalls immer gern Raum bietet, hat sie kürzlich noch einmal nachgelegt, und zwar unter dem suggestiven Titel: „Über den eigenen Körper bestimmen: eine Frage der Menschenrechte.“

Da hat sie recht. Man muss allerdings hinzufügen: Männer nicht für Frauen halten: eine Frage der geistigen Gesundheit. Dies schließt eine weitere Frage an: Auf welcher Seite in der Debatte ist diese wohl eher ansässig?

„Paranoide Angstbilder“: Ja, aber bei wem wohl?

Govrin hat eine Vermutung: „Transfeindliche Rhetorik arbeitet mit paranoiden Angstbildern …” Ach ja? Govrin schließt von sich auf andere. Erstens ist Stock nicht „transfeindlich“, sondern widerspricht lediglich der Transgenderideologie; und zweitens ist es Govrin, die paranoide Wahnvorstellungen zum Besten gibt, wenn sie allen Ernstes behauptet: “… Kathleen Stock hat in vergangenen Jahren beständig behauptet, Menschen, die trans sind, würden nicht existieren, da nur biologisches Geschlecht ‚real‘ sei.”[2]

Wundern können einen solche Wahngesichte nicht. Denn jemand, der den Ausdruck real in scare quotes setzt (wie die Briten das nennen), kann nur ein gestörtes Verhältnis zur Realität haben. Auch das Unterscheidungsvermögen scheint nicht ausgeprägt. Der Govrin entgehende entscheidende Unterschied lässt sich aber leicht durch die folgenden Beispiele veranschaulichen:
“X existiert nicht.”
“X hält sich für Y, aber er ist X, nicht Y.”
Im ersten Satz wird die Existenz von X verneint. Im zweiten Satz wird Xs Existenz keineswegs verneint, sondern lediglich sein Selbstverständnis zurückgewiesen. Ist das so schwierig zu verstehen?

Zugegebenermaßen arbeiten die beiden Beispielsätze mit Variablen, nämlich X und Y. Das Verständnis von mit Variablen geformten Aussagesätzen verlangt ein Abstraktionsvermögen, welches man bei Transgenderideologinnen aus didaktischen Gründen nicht voraussetzen sollte. So seien hier die zwei Variablen mit den Namen konkreter Menschen ersetzt.
“Donald Trump existiert nicht.”
“Donald Trump hält sich für den besten Präsidenten aller Zeiten, ist es aber nicht.”
“Markus Ganserer existiert nicht.”
“Markus Ganserer hält sich für eine Frau, ist es aber nicht.”
In dem jeweils ersten Satz dieser beiden Satzpaare hat man die Existenz eines Menschen verneint; im zweiten Satz hat man das (ostentative) Selbstverständnis dieses Menschen zurückgewiesen. Nochmal, ist das so schwierig zu verstehen? Für Transgenderideologen offenbar. Aber so sehr es auch deren Verstandesvermögen überfordern mag – Fakt ist, das Stock nicht die Existenz von Menschen, die trans sind, verneint, sondern vielmehr verneint, dass Männer, die trans sind, Frauen sind (ob sie sich nun für Frauen halten oder nicht: nicht alle Männer, die trans sind, unterliegen der Wahnvorstellung, sie seien Frauen; viele von ihnen weisen diese Vorstellung vernünftigerweise explizit zurück). (Zur Erinnerung: Der Duden definiert dem allgemeinen Sprachgebrauch folgend Frauen als erwachsene Personen – gemeint sind Menschen – weiblichen Geschlechts. Die Biologie definiert Geschlecht als Entwicklungsrichtung eines Organismus hin auf die Produktion einer bestimmten Art von anisogametischen [ungleichartigen] Keimzellen. Es gibt nur zwei Arten von anisogametischen Keimzellen: große [Eizellen] und kleine [Spermien]. Schlussfolgerung: Es gibt genau zwei Geschlechter [weiblich und männlich].[3] Also: Frauen sind erwachsene Personen weiblichen Geschlechts. Folglich sind Frauen erwachsene Personen, deren Körper Entwicklungsschritte zur Produktion großer Keimzellen [also Eizellen] aufweisen. Bei Männern sind es kleine [Spermien]. Sogenannte „Transfrauen“ sind mithin keine Frauen.)

Stock schreibt liberalerweise niemandem vor, mit welchem Geschlecht er oder sie zu leben habe und wie. Govrin aber meint regressiverweise, das Geschlecht determiniere Kleidung und Verhalten

Mit den Wahnvorstellungen geht es weiter, wenn Govrin über Stock erklärt: „Sie setzt sich aktiv dafür ein, dass die Rechte von Menschen, die nicht geschlechterkonform leben, eingeschränkt werden …“ Was für ein diffamatorischer Unfug. Es ist Stock schlicht gleichgültig, ob Menschen „geschlechterkonform“ leben, wenn damit gemeint ist, ob sie gemäß sogenannter stereotyper Rollenerwartungen leben (Frauen lesen Cosmopolitan, Männer Kicker). Sie hat hier die gleiche Auffassung, wie auch J. K. Rowling sie bereits zum Ausdruck brachte: „Dress however you please. Call yourself whatever you like. Sleep with any consenting adult who’ll have you. Live your best life in peace and security.“

Govrin wiederholt dieselbe krude Phantasie nochmals im letzten Absatz ihres Pamphletes, und fügt ihr eine weitere hinzu: „Menschen vorzuschreiben, in welchem Geschlecht sie zu leben haben, bedeutet, über ihren Körper zu verfügen, ihnen vorzuschreiben, wie sie sich darin zu fühlen haben, wie sie sich zu bewegen, wie sie sich zu kleiden haben.“ „Bedeutet“? Nur ein Mensch, der wie offenbar Govrin regressive, konservative und deterministische Vorstellungen über die Geschlechter hat, kann meinen, dass das Geschlecht determiniere, wie man sich fühlt oder kleidet. Wenn es das aber nicht tut, dann kann jemandem vorzuschreiben, in welchem Geschlecht er zu leben hat, nicht bedeuten, ihm vorzuschreiben, wie er sich zu fühlen, zu bewegen oder zu kleiden hat. Und in der Tat macht Stock, wie im letzten Absatz bereits konstatiert, Menschen keineswegs Vorschriften darüber, wie sie sich zu kleiden oder zu fühlen oder über ihren Köper zu verfügen haben. Die gegenteilige Behauptung entspringt einzig und allein Govrins Phantasie, was sie auch darin zeigt, dass sie keine ihrer hanebüchenen Aussagen über Stock mit irgendwelchen Zitaten derselben belegt.

Im übrigen ist natürlich überhaupt schon auch die weitere hier implizite Unterstellung abstrus, Stock schreibe Menschen vor, „in“ (?) welchem Geschlecht sie zu leben haben. Stock ist es egal, mit welchem Geschlecht Personen leben, wie es ihr auch egal ist, mit welcher Spezieszugehörigkeit sie leben. Wenn Menschen ihr Geschlecht oder ihre Spezieszugehörigkeit ändern könnten – bitte. Können Sie aber nicht (Operationen an Geschlechtsmerkmalen sind keine Geschlechtsumwandlungen).

Wenn Govrin ihren anti-Stock-Artikel also mit „Über den eigenen Körper bestimmen: eine Frage der Menschenrechte“ betitelt, suggeriert sie damit, wiederum völlig diffamatorisch, dass Stock Menschen dieses Recht abspricht. Tut sie aber nicht. So haben selbstverständlich Stock zufolge Frauen wie auch Männer das Recht, über ihren Körper zu bestimmen, indem sie zum Beispiel Sex mit ungewollten Partnern zurückzuweisen oder operative Änderungen an ihren Geschlechtsmerkmalen vornehmen. Sie haben aber gar nicht erst die Möglichkeit, ihr Geschlecht selbst zu bestimmen, sowenig wie sie die Möglichkeit haben, ihre Spezieszugehörigkeit zu bestimmen. Ein Mann kann sich noch so sehr „als Elefant fühlen“ (was immer das heißen mag). Das macht ihn nicht zum Elefanten. Ein Mann kann sich noch so sehr „als Frau fühlen“ (was immer das heißen mag). Das macht ihn nicht zur Frau. Kurz und gut, man kann sagen: „Das eigene Geschlecht selbst bestimmen: Ein Ding der Unmöglichkeit.“ Folglich: „Zu glauben, man könne das eigene Geschlecht selbst bestimmen: Eine Wahnvorstellung.“

Politische Heuchelei und Pseudofeminismus

Stock macht hier also keine normative Aussage, sondern eine deskriptive. Doch das dürfte eine weitere Unterscheidung sein, die transgenderideologisches Verstandesvermögen übersteigt. Eine andere normative Aussage macht Stock allerdings sehr wohl. Sie will nicht, dass es Männern (Frauen stellen hier ein weniger großes Problem dar) erlaubt wird, ihren amtlichen Geschlechtseintrag und damit ihren rechtlichen Status durch simple Selbstdeklaration zu ändern – also ohne vorangegangene medizinische Eingriffe an den Geschlechtsmerkmalen. Denn dies würde ihnen Zugang zu normalerweise und aus guten Gründen Frauen vorbehaltenen Räumen verschaffen und Kriminalitätsstatistiken zuungunsten von Frauen verändern (Frauen würden dank der Hilfe von „Transfrauen“ auf einmal mordender und vergewaltigender erscheinen, als sie es tatsächlich sind).

Auf solche Befürchtungen entgegnet Govrin:

Stock zeichnet Frauen, die trans sind [damit meint Govrin Männer, die trans sind], als Eindringlinge, die sich in Schutzräume einschleichen würden, um sich gewalttätig gegen Frauen und Kinder auszuagieren. Das klingt nicht allein abstrus, dies ist vor allem nicht belegbar. Stattdessen wird beständig ein- und derselbe Einzelfall einer Person zitiert, die trotz Vorgeschichte als Sexualstraftäter fälschlicherweise ins Frauengefängnis überstellt wurde.

Erstens: Wieso „fälschlicherweise“? Govrins Ideologie zufolge war diese „Person“ doch, wenn Selbstidentifikation reicht, „eine Frau, die trans ist“. Die „Person“ war also genau dort, wo sie Govrins Ideologie zufolge hingehörte. Was sehr gegen Govrins Ideologie spricht.

Zweitens verkennen diese Ausführungen Govrins sowohl Stocks Position wie auch die Fakten. Dies habe ich bereits in meiner Erwiderung auf die ebenso haltlosen Einlassungen des Journalisten Andrej Reisin sowie in meiner Entgegnung auf Robin Celikates, Katharina Hoppe, Daniel Loick, Martin Nonhoff, Eva von Redecker und Frieder Vogelmann gezeigt. Tatsächlich zeugt die Rede von dem „Einzelfall“, wie ich schon bei den letzteren anmerkte, nicht nur von atemberaubender Ignoranz, sondern auch von Gleichgültigkeit (und wohl auch schlichter Faulheit). Denn abgesehen davon, dass Stock und ihre Mitstreiterinnen sehr wohl Belege dafür angeführt haben, dass es sich hier nicht um einen Einzelfall handelt, stößt man auch bei Eingabe geeigneter Suchbegriffe im Internet im Handumdrehen zum Beispiel auf einen Artikel der Sunday Times, welcher auf weitere Fälle verweist und feststellt: „Transgender prisoners are five times more likely to carry out sex attacks on inmates at women’s jails than other prisoners are, official figures show.“ Somit sind offenbar auch Govrin, wie zuvor schon Celikates und Co., die Fakten über die Vergewaltigung von inhaftierten Frauen durch sich als Frauen deklarierende Männer nicht wichtig genug, um auf deren Feststellung fünf Minuten auf Google zu verwenden. Das macht ihren Titel „Über den eigenen Körper bestimmen: eine Frage der Menschenrechte“ zu einem Ausdruck der Heuchelei. Kurz, Govrins Humanismus ist so fadenscheinig wie ihr Feminismus und ihre Gelehrsamkeit.

Biologische Ignoranz

Apropos Gelehrsamkeit. Govrin verkündet:

Anstatt sich mit aktuellen Erkenntnissen der Biologie und verwandten Wissenschaften wie der Medizin oder Sexualwissenschaft auseinanderzusetzen, beharrt Stock auf zwei naturgegebenen, getrennten Geschlechtern. Dabei geht man über die Disziplingrenzen hinweg davon aus, dass sich Geschlecht weit komplexer zusammensetzt, und zwar aus sozialem, biologischem und gefühltem Geschlecht. In der Biologie wird Geschlecht als Spektrum verstanden, in dem es keine kategorischen Trennungen, sondern Übergänge gibt. Die Natur ist vielfältiger als es manchen recht ist.

Govrin hat es gerade nötig. Als einzigen „Beleg“ für ihre Aussagen hier offeriert sie einen link (ich habe ihn im Zitat reproduziert) keineswegs zu irgendwelcher wissenschaftlichen Primärliteratur, sondern zu einem Artikel einer offensichtlich hoffnungslos überforderten Wissenschaftsjournalistin. Die Überforderung zeigt sich unter anderem darin, dass diese allen Ernstes erklärt: „ According to the simple scenario, the presence or absence of a Y chromosome is what counts: with it, you are male, and without it, you are female.” Kein Biologe hat je einen solchen Unfug dahergeredet, schon allein (aber nicht nur) deswegen nicht, weil es nicht nur weibliche Menschen, sondern auch weibliche Vögel gibt, von denen einige Arten weder X- noch Y-Chromosomen haben. Nochmals: Geschlecht ist biologisch durch die Entwicklungsrichtung auf eine Art von anisogametischen Keimzellen hin definiert. Davon gibt es zwei. Chromosomen sind für die Definition von Geschlecht völlig irrelevant.

Es kommt aber noch schlimmer für Govrin. Wie man sieht, versteht sie den Artikel als Beleg dafür, dass Geschlecht ein „Spektrum“ sei. Diesen Eindruck gibt der Artikel tatsächlich – was beweist, wie biologisch haltlos er ist. Darauf haben biologisch kenntnisreichere Kritiker die Autorin des Artikels, Claire Ainsworth, zu Recht hingewiesen. Und so sah sie sich zu einer Klarstellung veranlasst. Auf die Frage hin: „ … are you making the claim that there are more than two sexes?“, antwortet Ainsworth: „No, not at all. Two sexes, with a continuum of variation in anatomy/physiology.“ Darauf habe ich Govrin auf Twitter aufmerksam gemacht. Doch Govrin führt den Beweis, dass verblendete Ideologinnen die Evidenz vor ihren Augen jederzeit zu leugnen bereit sind, denn sie erwidert tatsächlich: „ … sie revidiert ihre damalige Einschätzung nicht, sondern verweist weiterhin auf ein Kontinuum von Geschlecht.“ Darauf antwortete ich: „Im Tweet sagt sie: ‚No, not at all. Two sexes, with a continuum of variation in anatomy/physiology.‘ Was an der Aussage ‚two sexes‘ verstehen Sie nicht?“ Darauf wusste Govrin, die Geschlechtsexpertin, dann nichts mehr zu erwidern. (Sicherheitshalber habe ich screen shots gemacht, da Govrin möglicherweise versucht sein wird, diese weiteren Spuren ihrer Inkompetenz zu verwischen.)

Vielleicht versteht aber Govrin – einmal mehr mangelndes Differenzierungsvermögen und völlige biologische Ignoranz unter Beweis stellend – einfach nicht den Unterschied zwischen der Binarität des Geschlechts und der „Spektrumhaftigkeit“ der Erscheinungsformen der genau zwei Geschlechter (auch Organismen mit DSD – „Intersex“ – gehören zu diesen Erscheinungsformen und konstituieren keineswegs ein drittes Geschlecht, da es nun einmal keinen dritten Keimzellentyp gibt). Denn das weibliche (und auch das männliche) Geschlecht weist in der Tat eine Vielzahl von Erscheinungsformen auf. So gibt es nicht nur weibliche Menschen. Es gibt auch weiblichen Spargel und weibliche Algen. Aufmerksamen Beobachtern werden gewisse Unterschiede zwischen weiblichen Algen und weiblichen Menschen auffallen. Doch diese Unterschiede machen es keineswegs notwendig, dritte, vierte und fünfte Geschlechter zu erfinden. Vielmehr haben weibliche Algen, weiblicher Spargel und weibliche Menschen eines gemeinsam, nämlich eben das Geschlecht, welches definiert ist durch die Entwicklungsrichtung hin auf eine Art von anisogametischen Keimzellen. Weibliche Algen, weiblicher Spargel, und weibliche Menschen weisen Entwicklungsschritte hin auf die Produktion großer Keimzellen auf. Das ist die biologische Definition des weiblichen Geschlechts.

Übrigens hatte ich unsere Geschlechtsexpertin auf Twitter mehrfach aufgefordert, mir ihre Definition von Geschlecht zu liefern. Auf die warte ich noch heute. Wir haben es somit also mit einer Seite zu tun, die Geschlecht zu definieren weiß, und mithin weiß, wovon sie redet; und einer anderen Seite, die heiße Luft produziert. Übrigens sehen dies auch – da Govrin ja Medizin und Sexualwissenschaften ins Spiel bringt – Prof. Aglaja Stirn, Direktorin des Instituts für Sexualmedizin und Forensische Psychiatrie und Psychotherapie an der UKSH/Christian-Albrecht-Universität Kiel, und ihr Kollege Prof. Jorge Ponsetti so. In einer Erwiderung auf eine Gruppe von Transgenderideologen, welche sich darüber echauffierten, dass Stirn und Ponsetti unter Berufung auf anisogametische Keimzellen für Zweigeschlechtlichkeit und die Unmöglichkeit, sein Geschlecht zu wechseln, argumentiert hatten, weisen die beiden Autoren darauf hin, dass ihre Opponenten zwar einen (oftmals völlig unverständlichen) Wortschwall entfesseln, aber sich gänzlich außerstande zeigen, Geschlecht zu definieren. Die geschwätzigen Helden der Transgenderideologie wissen also nicht, was ein Geschlecht ist, aber wissen trotzdem wundersamerweise: doch, doch, Leute, es gibt mehr als zwei. Ich sage nochmals: Inkompetenz und Wahnvorstellungen.

„Faschismus, Faschismus!“ Look who’s talking!

Von Inkompetenz und linksautoritärem Wahn zeugt übrigens auch, wenn Widerspruch gegen die eigene Ideologie umgehend als „Faschismus“ gedeutet wird. So erklärt Govrin:

Judith Butler hat jüngst im Guardian geäußert, dass man jene Stimmen und Strömungen, die auf biologischem Geschlecht beharren und gegen eine angebliche ‚Gender-Ideologie‘ predigen, nicht nur reaktionär, sondern faschistisch seien. Das wirkt wie ein hartes Urteil.

Nein, das wirkt wie ein idiotisches Urteil und entspricht somit genau dem, was wir von der „Professorin der Parodie“ (Martha Nussbaum über J. Butler) zu erwarten gewohnt sind. Govrin sieht dies freilich anders. Dafür hat sie, wie üblich, keine guten Gründe. Sie raunt:

Wenn man … in die Geschichte schaut, gerade in die deutsche Geschichte, sieht man, dass ‚Biologie‘ als Einsatzpunkt für Politik autoritäre Schlagkraft entfaltet, die oftmals in den Faschismus führte. Denn faschistisches Denken baut auf naturalisierten Differenzen auf, durch die man eine Gesellschaftsordnung der Ungleichheit begründet. Man zieht die Natur als höhere Ordnung heran, um über die Körper von Menschen zu verfügen.

Hochhäuser bauen auf Fundamenten auf. Aber Fundamente sind keine Hochhäuser. Faschistisches Denken baut auf Denken auf: Ohne Denken gibt es auch kein faschistisches Denken. Aber das macht Denken nicht faschistisch. Kurz, wiederum sind wir mit Govrins mangelndem Unterscheidungsvermögen konfrontiert. Dass A sich für B hält, macht ihn nicht zu B; und das C auf D aufbaut oder auf D angewiesen ist, macht C nicht zu D. Nicht so schwer zu begreifen – sollte man meinen.

Da Stock also keineswegs die biologische Unterscheidung zwischen Männern und Frauen (oder anderen Menschengruppen) dafür anführt, dass die einen den anderen überlegen seien und einen berechtigten Herrschaftsanspruch über sie hätten, ist ihr Denken keineswegs faschistisch. Ihr Denken ist liberal. Da Butler und Govrin dies nicht sehen, ist umgekehrt deren Denken – vielleicht ein allzu großzügiger Begriff – ideologisch verblendet und philosophisch haltlos.

Übrigens sollte Govrin sich gleich zweifach an die eigene Nase fassen. So redet sie in ihrem Pamphlet von „Menschen, die intergeschlechtlich sind“, welche sie mit „Menschen, deren Chromosomensatz uneindeutig ist“ gleichsetzt. Diese implizite Unterscheidung zwischen Menschen, deren Chromosomensatz uneindeutig ist, und Menschen, deren Chromosomensatz nicht uneindeutig ist, ist aber eine biologische – oder glaubt sie, Menschen mit chromosomalem Mosaizismus könnten sich von diesem befreien, indem sie sich als Menschen ohne Mosaizismus „transidentifizieren“ (allerdings ist diese Vorstellung zugegebenermaßen auch nicht dümmer als jene, man könne sich aus seinem Geschlecht herausidentifizieren)? Zudem erklärt sie, dass hinter der Diagnose der Intergeschlechtlichkeit eine „Gewaltgeschichte“ liege, da sie zur Rechtfertigung von Zwangsoperationen geführt habe. Doch sie selbst trifft diese biologische Unterscheidung ja. Sie selbst befördert somit ihrer eigenen Logik zufolge „faschistisches Denken.“

Hinzu kommt, dass nicht nur biologische Unterscheidungen zur politischen Rechtfertigung von Unterdrückung und illegitimer Gewalt missbraucht werden können. Auch ideologische Unterscheidungen können so genutzt werden – wie eben die linksautoritäre Unterscheidung zwischen den ideologisch Rechtgläubigen und allen anderen, den „Faschisten“. Linksautoritären hat diese Unterscheidung schon immer dazu gedient, die Rede- und Freiheits- und damit die Menschenrechte von Personen zu verletzen, welche es wagten, ihrer Ideologie zu widersprechen. Und wie man sieht, bedient sich Govrin des Faschismusvorwurfs ebenfalls allzu gern. Da kann es auch nicht überraschen, wenn sie perfiderweise erklärt,[4] in der Konfrontation zwischen Stock auf der einen Seite und deren Opponenten auf der anderen könne man „von einer beidseitigen Bedrohungslage ausgehen.” Nein, kann man nicht. Die eine Seite, Stock, nimmt ihre Rede- und Wissenschaftsfreiheit wahr, indem sie eine Ideologie kritisiert. Die andere Seite hingegen benutzt die eigene Transgenderideologie als Rechtfertigung für das Mobbing einer ihre Freiheitsrechte wahrnehmenden Frau, und zwar in einem solchen Ausmaß, dass die Polizei ihr riet, sich gegen diesen Mob sicherheitshalber mit Bodyguards aufzurüsten. Dass Govrin diese Dinge gleichsetzt, zeigt wes Geistes Kind sie ist.

Man ist gut beraten, auf Govrins linksautoritäre Interpretation der Menschenrechte genauso wenig zu geben wie auf ihre transgenderideologische Interpretation von Geschlecht.

© Uwe Steinhoff 2022


[1] Für meine verschiedenen Erwiderungen, siehe hier, hier, hier, hier und hier.

[2] Zur Lächerlichkeit dieser Behauptung Govrins siehe auch die die Kritik von Vojin Saša Vukadinović, „Das bisschen Mobbing,“ jungle.world 16. 12. 2021.

[3] Siehe etwa Jussi Lehtonen und Geoff A. Parker, „Gamete competition, gamete limitation, and the evolution of two sexes“, Molecular Human Reproduction 20(12) (2014), S. 1161–1168. Douglas J. Futuyma, Evolutionary Biology, Third Edition. Sinauer Associates, Sunderland 1998: „ANISOGAMOUS organisms have large (eggs) and small (sperm) gametes, defining male and female sexual functions.“ Astrid Kodric-Brown and James H. Brown, „Anisogamy, sexual selection, and the evolution and maintenance of sex“. Evolutionary Ecology 1 (1987), S. 95-105, hier S. 98: „The essence of maleness and femaleness is the production of either small, mobile or large, nutritive gametes, respectively.“ Ebenso unerhaltsam wie lehrreich und leicht zugänglich ist der blog der Entwicklungsbiologin Emma Hilton: https://fondofbeetles.wordpress.com/2019/07/22/from-humans-to-asparagus-females-are-females/. Für philosophische Explikationen des biologischen Geschlechtsbegriffs siehe Alex Byrne, „Is Sex Binary? The answer offered in a recent New York Times opinion piece is more confusing than enlightening“, https://medium.com/arc-digital/is-sex-binary-16bec97d161e, abgerufen am 27. April 2021, sowie meine Kritik am Urteil des BVerfG zum „dritten Geschlecht“.

[4] Diese Perfidie zeigt auch der Journalist Andrej Reisin. Zur Kritik, siehe hier.

3 thoughts on “Träume einer Genderseherin: Eine Erwiderung auf die Anwürfe der Transgenderideologin Jule Govrin gegen die Philosophin Kathleen Stock

  1. Eine kleine Präzisierung (natürlich meinen Sie das gleiche):

    Keine Person schreibt irgendwem vor, in welchem Geschlecht sie zu leben hat.

    Die Realität “schreibt mir (und allen) das vor”.

    Die Realität schreibt mir noch vieles andere vor:

    Etwa dass ich als Deutscher geboren wurde und nicht als Neuseeländer.

    Dass ich in Nienburg/Weser, Niedersachsen geboren wurde und nicht in Bayern. (Ich kann mir einen ganzen Schrank voll Krachlederner anschaffen und jeden Tag eine tragen, “gebürtiger Bayer” werde ich dadurch nicht – tja, so ist das mit der Realität! Komisch, nicht wahr?)

    Für mich ist das auch Infantilismus, was hier passiert. Der trotzige 5-jährige, der die Spielsteine umschmeißt und “ich hab gewonnen” ruft, weil ihm die Niederlage beim “Mensch, ärgere Dich nicht” nicht schmeckt.

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